Freitag, 11. Mai 2007

Mein Leben im Altersheim

Mein Leben im Landeshochbetagtenheim ist schön. Da schrull ich schon seit über 150 Jahren mit meiner alten Heimkameradin Eva durch die Gegend, da gibts nette junge Pfleger und ganz tolles Essen, das wir zusammen mit jungen, interessanten Schülern einnehmen dürfen. Die aber leider alle ein bisschen faul sind; sowas hätte es damals nicht gegeben, vor dem Krieg, da gab es den Arbeitsdienst, und wir waren alle weg von der Straße und sinnvoll beschäftigt. Ja, die guten alten Zeiten. Heute muss man immer wieder mahnen: So nicht, junger Mann, oder: So nicht, mein Fräulein.
Zum Beispiel neulich, als es sehr warm war, und Eva und ich auf dem Rückweg vom Mittagessen mit den Jugendlichen fast vertrocknet wären. Wir lagen in der prallen Sonne auf der Straße, wo uns der Herr Dings einfach liegengelassen hatte, und bekamen nur wenige mitleidige Blicke von passierenden Schülern. Einen Hitzschlag hatten wir ganz sicher. Und Alzheimer. Wenn kein Auto gekommen wäre, das die Flucht auf klapprigen Beinen vom heißen Asphalt erzwang, wären wir wohl beide verdorrt und verbrannt.
Aber es gibt auch wirklich schöne Erlebnisse, die zeigen, dass ich die richtige Adresse für meinen langen Lebensabend gewählt habe. Der letzte Dienstag etwa, an dem die beiden jungen Pfleger Dings und Dingsda meine alte Eva und mich mit nach Stuttgart nahmen, wo wir gemütlich in der U-Bahn saßen, Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund belauschten, wie ganz junge Mädchen kicherten und eine Menge guten Stoff besorgten. Es war nämlich Evas 181. Geburtstag, und wir hatten einen richtig schönen Tag, den wir nur Herrn Dings und Herrn Dingsda, der sich eine leckere Salami gekauft hatte, zu verdanken haben.
Jetzt muss ich ins Bett.
Falls ich es finde.
Herr Pfleger?
Liebe Grüße,
eure Caroschrulle

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schon seit Monaten hatten die beiden ollen Schrullen genervt wie blöde, nur um an diesem unwichtigen Geburtstag nach Stuttgart fahren zu können. In unserer Nachgiebigkeit gaben Herr Dingsda und ich schließlich nach. Schon der Weg zum Bahnhof war die Hölle: durchwachsen mit langweiligen Anekdoten aus der Jugend der beiden («Hier musste Stefan eine Pause machen» und so). DIe Zugfahrt war langweilig, die beiden unterhielten sich über Nichtigkeiten und in Stuttgart selbst schleppten sie uns in langweilige Ballettläden (als ob sie in ihrem Alter noch tanzen könnten), Stoffgeschäfte und verführten uns zu ekligem Fastfood. Ins Kino wollten sie trotz des starken Regens nicht, da sie ihre Hörhilfen vergessen hatten, und die Straßenbahn fuhr leider nicht mehr, wie in ihrer Jugend, zum Fernsehturm, sondern drehte eine Station vorher um. In einem altmodischen Café mussten sich die beiden erst wieder aufwärmen, bevor wir sie kurz alleine lassen konnten und eine Menge Spaß mit technischen Geräten hätten. Die Rückfahrt hingegen gestaltete sich ähnlich anstrengend wie die Hinfahrt, und auf dem Heimweg musste ich dem Geburtstags«kind» sogar noch das apostolische Glaubensbekenntnis, das es mittlerweile vergesssen hatte, neu lehren. Was für ein ätzender Tag. Junge Leute, hört meinen Apell: Werdet NIE Altenpfleger!

Adymady hat gesagt…

9:54 Uhr: Mit einem ohrenzerreißenden "Herr Pfleger!" meldet eine alte Schrulle mal wieder bei uns Altenpflegern an, dass sie sich gerne von den Zug schmeißen würde. Zumindest dackelte sie wieder geistesabwesend auf dem Bahnsteig umher. Ein eindeutiges Anzeichen dafür, dass Herr Dings und ich ein sehr anstrengender Tag bevorsteht. Leider schreibt uns der Gesetzgeber vor, dass wir einmal im Jahr mit unseren Schrullen die Pflegestation verlassen. Also machen wir uns auf den Weg nach Stuttgart. Schon einige olle Kamellen später gelang es weder meinem Pflegerkameraden, noch mir unsere Patientinnen in der S-Bahn subtil zu "vergeßen" und so verpflichtete uns doch irgendeine höhere Gewalt dazu, den lieben langen Tag auf unsere Damen aufzupaßen.

Schnell gelang es uns, das Untergeschoss eines großen Elektronikhändlers zu erreichen, wo wir die guten Schrullen einfach vor einer überdimensionierten Glotze ohne Ton (sie hatten die Hörgeräte und Brillen zwar vergessen) parken konnten und uns selbst mit wesentlich wichtigeren Dingen wie Produkten von Apple beschäftigten.
Uns war klar, daß unser Glück nicht ewig wären sollte, denn unsere Schrullen verschwanden bald aus unserem Gesichtsfeld. Da man die Damen ja nicht guten Gewissens auf eine von Menschen bevölkerte Stadt loslassen kann suchten und sammelten wir sie also wieder. Kaum waren sie wieder in unserer Obhut, wollten sie plötzlich Karten spielen. Das virtuelle Solitaire genügte schließlich ihren Ansprüchen.

Es ging eine ganze Weile so weiter, bis wir schließlich begannen unsere Schrullen mit Salamistücken und Pizza zu füttern in der Hoffnung sie hätten ihr Gebiß vergeßen, würden sich verschlucken und schließlich harmlos Stuttgart und uns in Ruhe laßen, doch der Plan ging nicht auf. Wir sollten es später noch einmal mit Käse, Brot, Rivella und anderem Käse probieren doch unsere Patientinnen wollten ums verrecken leben bleiben. Also schlugen wir uns notgedrungen weiter mit ihnen durch.
Ein besonders genialer Plan an diesem Tage zu unserer Arbeitserleichterung war das Aufsuchen einer Stoffabteilung im Kaufhaus: Entweder würden sie sich zwischen Regalen verirren oder irgendwie an dem ganzen Stoff ersticken. Wieder fruchtete unser Plan nicht, doch immerhin konnten wir uns für einige Zeit mit uns selbst beschäftigen, da sich die guten Damen wenigstens etwas verirrt hatten.

Auch der zweite Versuch, die Schrullen in der U-/S-Bahn zu "vergeßen" schlug fehl, da der dämliche Zug einfach umkehrte.

Schließlich sahen wir ein, daß es wohl unser Schicksal war, für die ollen Schrullen sorgen zu müßen und so bleibt uns auch in Zukunft nichts anderes übrig, außer den verträumten Blicken an den Himmel und den verzweifelten "Herr Pfleger!"-Schreien hinterherzulaufen.
Alsdann, ich kann mich dem Apell von Herrn Dings nur anschließen.

eva hat gesagt…

Nee nee, caro. Wenn die uns nich mögen, dann gehen wir doch einfach. Wir lernen schließlich jeden tag so viele neue leute kennen, da werden wir doch wohl auch neue freunde finden.
also nee ich find das gar nicht nett.
tun so, als wären wir auf sie angewiesen.
dabei funktionnieren die alten Tricks aus unserer Jugend schließlich immer noch(hach, ich erinnere mich an mein handbüchlein von dr. pr. Frühling "Wie binde ich den Kavalier an mich"...), auch bei solch unflätigen Rüpeln wie den beiden, wie man daran sieht, dass sie zwar laut über uns stöhnen, um männlich zu sein, aber trotzdem brav unsere handtäschchen tragen.
also nee caro, komm wir suchen uns mal 2 neue, zwei richtige kavaliere aus. so nette leute, überall..

Anonym hat gesagt…

Also es tut mir leid, aber ich muss wirklich Adrians Kommentar kommentieren, es schmerzt einfach zu sehr!
Vergessen schreibt man mit ss und nicht mit ß! Und zwar nach allen Rechtschreibungen und vor allem in der Schweiz!